Besonders bei Pubertätsriten ist dieses Schema zu beobachten, das einer
rituellen Rückkehr in den Mutterschoß sowie einer erneuten Geburt entspricht.
Die Initianten werden noch als Kinder in ein fötales Zwischenstadium versetzt,
um dann als Erwachsene wiedergeboren zu werden. Der Vorgang der Geburt dient
als Urbild für Individuation und Transformation (vgl. ebd., S. 191).
In schamanischen Kulturen werden Krankheiten von Stammesmitgliedern in
Heilungsriten behandelt, die mehrere Tage oder Wochen dauern und die
Angehörigen, manchmal auch den ganzen Stamm miteinbeziehen. Bei den
indianischen Navahos z.B. läuft ein solches Heilungsritual, bei dem durchaus
auch körperliche Krankheiten geheilt werden, folgendermaßen ab: zunächst gibt
es eine mehrtägigen Vorbereitungsphase mit Reinigungszeremonien und Aufgaben.
Die Heilungssuchenden „[...]müssen durch bestimmte Tore, symbolisiert durch
Reifen, hindurchgehen und über viele Berge hinüberschreiten, bevor sie den
sicheren Raum des Rituals betreten dürfen“ (Engelhardt in Zifreund 1996, S.
39). Hier kommt es zum zentralen Teil des Heilungsrituals. Der Schamane, bei
den Navahos heißt er ‚Sänger’, hat ein mandalaartiges Sandbild, ein sog.
‚drypainting’ gestaltet, das den Urzeitmythos dieses Volkes visualisiert. „Auf
das Zentrum setzen sich die Heilungssuchenden. Im Lauf des Heilungsrituals wird
symbolisch der Mythos in Form des lose aufgestreuten Sandes vom drypainting auf
den Körper des Heilungssuchenden übertragen und damit die im Mythos vollzogene
Wiederholung des Urzeitgeschehens sozusagen mit allen Sinnen erstrebt“ (ebd.,
S. 40). Der Schamane singt dazu die heiligen Mythen und schlägt die
Schamanentrommel. Im Laufe des Rituals ist ein rituelles Erbrechen der ‚sung
over person’ (des Heilungssuchenden) vorgesehen (vgl. ebd., S. 37). Es „[...]
spielen auch noch Tänzer [...] und Musiker eine bedeutende Rolle. Die Gesänge
und die Wirkung der Trommeln sind ein wesentlicher Bestandteil dieses
ganzheitlichen Geschehens“ (ebd., S. 41). Alle Beteiligten fallen in eine
synästhetische Trance, die meiner Ansicht nach eine Regression auf die
pränatale Erlebniswirklichkeit darstellt, wobei die Trommeln den Herzschlag von
Mutter und Kind simulieren. Dieser Zusammenhang ist ablesbar an „[...] der
äußerst hohen symbolischen Bedeutung der Trommel, ihrem Bezug zum Lebensbaum
und ihrer Materialisation der schamanischen Kraft“ (Mastnak in Zifreund 1996,
S. 141).
„Die Navahos wenden für diese ganzheitlichen sozialen Rituale die ganze
Fülle ihrer künstlerischen Möglichkeiten auf. Dies dient zwar in erster Linie
den Heilungssuchenden, um deretwillen sie veranstaltet werden. Sie dienen aber
auch dem ganzen Stamm. Denn sie sind Gelegenheiten, mit Hilfe der zeremoniellen
Wiederholung des Urzeitgeschehens für alle Beteiligten Harmonie und Frieden und
Leben in Schönheit wiederherzustellen, und Menschen, die sich auseinandergelebt
haben, einander wieder näherzubringen durch gegenseitige und zu gegenseitiger
Hilfeleistung“ (Engelhardt in Zifreund 1996, S. 42).
C. G. Jung sah in der therapeutischen Arbeit einen Individuationsprozess.
Dieser beinhaltet eine pränatalsymbolische Tiefenregression und Wiedergeburt
und weist insofern eine große Nähe zu den kollektivsymbolischen
Heilungsprozessen auf, wie sie in Stammesgesellschaften in Form von
schamanischen Heilungen und Initiationen zelebriert werden. Im Begriff der
Individuation ist zusätzlich noch ein Ich-vermitteltes, reflektiertes Niveau
impliziert, das dem modernen Individuum gerecht wird (vgl. Janus 2000, S. 190).
Die rituell-therapeutische Regression auf ein pränatalpsychologisches
Entwicklungsniveau ist keineswegs bloß metaphorisch zu verstehen, sondern im
Sinne der körpertherapeutischen Methode als ein reales Wiedererleben frühester
vorsprachlicher Erfahrungen. Für die psychische Integration ist es dabei
notwendig, sowohl den Traumata, bzw. den ‚Dämonen’ zu begegnen, sie zu
besiegen, als auch Zugang zu den ‚innersten Quellen der Kraft’ zu erlangen. So
werden die ‚verlorenen Seelenteile’ während einer Schamanenreise wiedergeholt
und eine schöpferische Integration geleistet durch eine „[...] imaginative
Tiefenregression auf pränatale Funktionsmodi“ (ebd., S. 191).
Wiederholung in der Regression meint also im doppelten Wortsinn existentiell
leibhaftige Wiederholung früher Erfahrungen einerseits und Wiederholung
verdrängter Tiefendimensionen ins Bewusstsein andererseits. Für das Verständnis
von progressiven Regressionen ist es wichtig, „[...] daß im Wiederholen das
Wiederzuholende sich zu erkennen und möglicherweise zu fassen gibt und dass
solches Zurückgehen die unumgängliche Bedingung für einen gleichgewichtigen
Fortgang des Lebens bedeutet“ (Lippe 2000, S. 261).
Häufig handelt es sich bei solchen Regressionen zu schmerzhaften
Erfahrungen, die das Ichbewusstsein in der Verdrängung zu halten bemüht ist, um
ein Wiedererleben des Geburtstraumas. Ohne diese schmerzhafte ‚Katharsis’ ist
eine psychische Weiterentwicklung nicht möglich, weil Veränderungen generell
vermieden werden, um eine Aktualisierung des Traumas zu verhindern. Die
Regression zu frühen Traumata hebt diese Bewusstseinsspaltung auf und leistet
die Integration schmerzhafter Erlebnisse in das psychische Erleben.
In archaischen Riten wurde diese psychische Integration auf einer
kollektiven, symbolisch vermittelten, vorbewussten Ebene geleistet, während die
Aufgabe der modernen Psychotherapien in der individuellen Selbstregulation des
Klienten liegt. „Der Psychoanalytiker muß kommen, um endlich wieder das
erprobte Wissen in den alten, der Zukunft zugewandten Lehren der maskierten
Schamanen und Hexendoktoren zu bestätigen, wobei sich herausstellt, [...] daß
im Augenblick der Lösung die zeitlose Intiationssymbolik vom Patienten selber
produziert wird. Offenbar enthalten die Initiationsbilder etwas der Seele so
Notwendiges, daß sie in einer Welt, die sie nicht von außen, durch Mythos und
Ritual, heranträgt, wieder von innen, durch den Traum bemerkbar gemacht werden
müssen, wenn nicht unsere Energien in einem banalen, längst überholten
Spielzeugarsenal wie auf dem Meeresgrund versenkt bleiben sollen“ (Campbell
1999, S. 20 f.).
Für die therapeutisch angestrebte Selbstregulation des Klienten muss ein
intellektuelles Verständnis seiner eigenen Entwicklungsgeschichte angestrebt
werden. Sloterdijk formulierte seinen hohen Anspruch an die Psychotherapie als
‚das denkende Herz der Moderne’ so (vgl. ebd., S. 203): „Wenn die erweiterte
Psychoanalyse und die historische Anthropologie uns in einer
nicht-metaphysischen Sprache sagen wollen, wie wir wurden, was wir sind, müssen
sich beide um eine Übersetzung derselben Weisheitslehre in eine moderne Diktion
bemühen“ (Sloterdijk 1999, S. 25 f., zit. n. Janus 2000, S. 194).
Ziel der Therapie soll die „Beheimatung bei sich selbst“ und die
„Individuation zu sich selbst“ sein (Janus 2000, S. 193). „Auf der magischen
und mythischen Bewußtseinsstufe haben die Menschen naiv in den Projektionen
vorgeburtlicher und geburtlicher Erfahrungen als ihrem Zuhause gelebt. Diese
imaginäre Welt wurde dann im Ritus und in den Gestaltungen des Mythos
künstlerisch real gemacht. Dies war noch ganz gruppengebunden [...].
[Gegenwärtig] wird nun die persönliche und lebenslange Auseinandersetzung mit
der eigenen Geburt, dem Heranwachsen und der eigenen Lebensgestaltung zu einem
persönlichen Thema, zur Gestaltung des eigenen Lebensmythos in Wechselwirkung
mit den mythischen Themen der jeweiligen Zeit“ (Janus 2000, S. 196).
Regression wird hier also ausdrücklich als notwendiges Element persönlicher
Entwicklung begriffen im Gegensatz zur abwertenden Notation im Sinne eines
Rückschritts und einer Fixierung auf ein überholtes Entwicklungsniveau, wie es
in dem Freudschen Verständnis von Regression mitschwingt (vgl. Lippe 2000, S.
254). Unter den Voraussetzungen der dualistischen Spaltung des psychischen
Systems ist Freuds Kritik an der Rückkehr vom Sekundärvorgang zum Primärvorgang
allerdings berechtigt. „Diese Voraussetzungen selbst müssen wohl grundsätzlich
hinterfragt werden. Bei ‚pathologischer Fixierung’ erscheinen die beiden
Schichten so, als ob die eine oder die andere herrschen müsse, während es [...]
auf die Chancen einer wechselseitig befruchtenden Durchdringung ankommen muß“
(Lippe 2000, S. 255).
Aus dieser Sicht wird der Zustand der dualistischen Spaltung als Ganzes
begreifbar als pathologische Fixierung und Entwicklungsblockade des
Individuums. Regressionen auf die Primärvorgänge finden in ihm statt, ohne
reflektiert und verarbeitet zu werden. „Niemand leugnet gefährliche Formen der
Regression. Sie sind gekennzeichnet durch Fixiertheit auf frühes Erleben
unreflektierter Einheit und blockieren daher [...] nur Spielraum für die
Wechselbeziehungen, in denen das Psychische sinnenhaften Austausch aufnehmen
und in ihm sich selbst entfalten kann“ (ebd., S. 258). Solche „bösartigen
Regressionen“ dienen der Abwehr von Verarbeitung (Balint nach Lippe 2000, S.
261). Sie äußern sich oft als Mystifikation, die als „[...] starre Verweigerung
von Vernunft [...] gerade nicht gestattet, in den Grund tiefster unbenennbarer
Beziehungen einzutauchen, um damit die Bereiche des Denkens, der Sprache, der
Geschichte neu zu durchdringen“ (Lippe 2000, S. 261).
Oft ist bei Menschen, die eine transmarginale Traumatisierung bei ihrer
Geburt erlitten, eine Tendenz zu ‚bösartiger Regression’ zu beobachten. Dowling
spricht von ‚psychosomatischer Implosion’. Diese Menschen leugnen ihr
Geborensein, indem sie das Geburtserlebnis abspalten. Sie haben Schwierigkeiten
mit Veränderungen, weil solche Situationen die Gefahr bergen, das
Ursprungstrauma zu reaktivieren. Das Phänomen des Autismus kann Dowling zufolge
als extreme Ausformung dieses Mechanismus verstanden werden. Der Autist
versucht mit seinen Symptomen sein Geborensein zu leugnen und sich die Illusion
einer Weiterexistenz im Mutterleib zu ermöglichen (vgl. Dowling in
Janus/Haibach 1997, S. 203 ff.). Für eine konstruktive, therapeutische,
‚progressive’ Regression ist es deshalb wichtig, den Prozess der Geburt, der
Transformation, des Übergangs von einer in die andere Welt bewusst
wiederzuerleben.
Zur Lippe spricht im Zusammenhang mit bösartiger Regression „[...] von
Hospitalismus auch als einer Krankheit der gesamten gesellschaftlichen
Situation“ (Lippe 2000, S. 258). Er meint damit die weit verbreitete
Unfähigkeit des modernen Menschen zu lebendigen, erfüllenden mitmenschlichen
Beziehungen einerseits und die allgemeine moderne Entfremdung vom Leben und dem
Gesamtzusammenhang auf diesem Planeten Erde andererseits. „Erst das
geschichtliche Bewußtsein von einem Mangel der modernen Menschen an Beziehungen
mit der Mitwelt hat erlaubt, den Widerspruch von Regression und Progreß umkehrend
aufzuheben“ (ebd., S. 258). Die Regressionen, welche „[...] die tiefen
Verbindungen zur Mitwelt wieder zugänglich machen, [...] können nur
weitertragen, wenn wir nicht ganz und gar in ihre unbegriffene Anwesenheit
gebannt bleiben, sondern über diese hinausgehen, progredieren können. Ein
durchaus aufklärendes Moment ist mit diesem Progressiven gemeint, auch wenn
eine solche Aufklärung ihrer Gegenwelt, der Welt der existentiellen
Lebensbeziehungen, sich immer neu versichert“ (Lippe 2000, S. 260 f.).
Der rhythmische Wechsel von Regression und Progression gehört also ebenso
zur umfassenden Dialektik der Lebenskräfte, die im dritten Teil beschrieben
wurde (s.o., S. 141 ff). Indem wir uns diesem allgemeinen Entwicklungsprinzip
des Lebens wieder anvertrauen und es im Lebenvollzug bewusst praktizieren,
verbinden wir uns wieder mit dem Gesamtzusammenhang des Lebens und leisten die
Ich-Integration. Was früher die Mythos-Kultus-Einheit, später die Religion (von
lat. relinquere = rückverbinden) geleistet hat, ist heute weitgehend zur
Aufgabe der Psychotherapie als individuelle Entwicklungsbegleitung geworden.
Auch und gerade die ästhetische Erfahrung und die Kunst haben Anteil an dieser
regressiv-progressiven Entwicklungsdynamik. Der bildhaft-symbolische Ausdruck existentieller
Beziehungen, der in solchen dialektischen Prozessen wurzelt, eröffnet die
Chance zur kognitiven Verarbeitung und zum Verstehen von Entwicklungsgestalten.
Im Grunde müsste eine zeitgemäße Psychotherapie die beiden wesentlichen
Elemente archaischer Initiations- und Heilungskulte in sich vereinen:
einerseits die unmittelbare Regression in frühe Erfahrungen als sinnliches
Wiedererleben und andererseits den bildhaft-symbolischen Ausdruck dieser
Erfahrungen. Als drittes, dem heutigen Menschen notwendiges Element, kommt in
der Psychotherapie als Entwicklungsbegleitung die kognitiv-intellektuelle
Verarbeitung zur Ich-Integration hinzu.
Gerade die Kunsttherapie mit ihren vielfältigen Methoden könnte alle diese
Elemente in sich vereinen, ist aber meines Erachtens zur Optimierung der
Heilungsresultate auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen
ästhetisch-expressiven Kreativitätstherapien wie der Musik- und Tanztherapie
angewiesen. Auch in diesen Therapierichtungen setzt man sich zunehmend mit Ekstase-,
Trance- und Hypnosephänomenen auseinander und denkt über eine Integration
ritueller Praktiken in therapeutische Zusammenhänge nach (vgl. Mastnak in
Zifreund 1996, S. 143 f.)
Der Garten ist ein archetypischer Topos, der mit pränatalen psychischen Inhalten
verknüpft ist, zugleich ist er aber auch dem zeitgenössischen
Zivilisationsmenschen ein vertrauter Bestandteil seiner Welt. Er könnte
insofern einen leichten Einstieg in eine ‚rituell inspirierte Kreativtherapie’
bieten.